Aus dem Himmel fallen
Um Abwechslung in ihr französisches Landleben zu bringen, besucht die
Ich-Erzählerin ihren Liebhaber in Venedig. Anders als erwartet, hält die
Romantik - fernab von Haus und Hof, von Ehemann Claude und Tochter Janine -
ungefähr eine halbe Stunde.
Ennos Tür ist angelehnt, ein Spalt wie für eine Katze. Ich schlüpfe 'rein
und ziehe die Tür zu, als wäre ich nie weg gewesen. Er holt mich nicht ab,
nicht am Flughafen, nicht auf der Piazzale Roma, nicht auf seiner Veranda.
Er kann Menschenaufläufe nicht leiden, sagt er, deshalb verbringt er seine
Zeit lieber beim Vorbereiten des Venusfisches, so nennt er unser Menu
für den ersten Abend, Blick in den Himmel inclusiv.
Da bin ich also wieder. Wo Rosen in Schalen stecken, Kerzen neben
den Spiegeln, wo Licht durch Bleifenster dringt, die meisten Straßen Flüsse
sind, es nach Wasser riecht und dunklem Moos. Wo mir die Bodenfliesen barfuß
vertraut sind und ich im Traum fast durch die Gänge finde.
Ich husche an der Küche vorbei, Enno in Salbei- und Olivennebel,
höre ihn Kräuter hacken, gucke über das Wasser, das um die Pfeiler schwappt,
die Mauern, die Fassaden. Sie wissen, dass Schönheit mit der Zeit wächst,
dass das Alter seine Reize hat - im Garten vergehen Jahre, bis die Mischung
stimmt - und jede modern frisierte Häuserfront Produkt von Bürokraten ist,
die die Schönheit im Schminkkoffer ihrer Frau vermuten.
Alle Häuser haben nasse Füße, muss ich denken, manche Tag und
Nacht, trotzdem sind sie still, tragen ihre Kronen, auch wenn Farbe und Gold
abgeblättert sind und die Augen der unteren Etagen verschlossen, weil das
Wasser sie ausgehöhlt hat. Vielleicht stehen noch eiserne Betten hinter den
Fensterläden - jede Sünde unterm Kruzifix mit Perlenrand und lächelnder
Madonna, Leinen in der Kommode, Vaters Kappe auf dem Stuhl, Mutters Krug auf
der Veranda.
Ich ziehe das Kleid an, das in Rostrot, das bei Enno im Schrank bleibt -
Claude würde über solch einen Fummel nur staunen, denn zu Hause brauche ich
ihn nicht, da sitzen wir an Holztischen ohne Drumherum - und finde mich ein.
Enno beugt sich über die Fischplatte, eine Hand umspannt den
Kristallhals, die andere meine Schulter, Prosit auf unser Festmahl und auf
mich, die wie der Fisch unter seinen Augen liegen wird.
Er stellt die Karaffe ab, eine Locke spielt auf seiner Stirn, und
strahlt eine Ruhe aus, ich frage mich, wie er das macht. Als ich zum
Begrüßungskuss lachen muss, kommt seine Zeremonie durcheinander. Er lacht
mit, reicht mir ein Fischstückchen, eine Taube will auch etwas davon,
es ist so einfach, den rechten Mann an seiner Seite, ein gutes
Essen, eine Stimmung, als könnte keiner dem anderen ein Haar krümmen, und
ich schwärme, wie köstlich so ein Venusfisch ist - kaum dass ich den Lärm
vom Flughafen hinter mir habe und die Bildschirme überall, damit man nicht
vergisst, dass sie sich in Basra und Kerbell die Köpfe einhauen und deshalb
der Dow Jones immer noch nicht steigt, es wäre sonst zu langweilig,
besonders für die, die in der Linken das Mobile halten, in der Rechten den
Kaffee, gleichzeitig die Tasche mit den Füßen weiterschieben und den
Smalltalk mit der Dame am Schalter nicht versäumen.
Nach der inneren Uhr ist es vielleicht ein halbes Leben, nach der
äußeren ein paar Stunden her, dass Claude mich in der Abflughalle
abgeliefert hat, gegen seine Gewohnheit auf einen Apéritiv verzichtet, keine
Fragen gestellt, kein BistduwiederimgleichenHotel, washastdudiesmal vor - es
interessiert ihn nicht wirklich! Hauptsache ist, er bringt Janine
rechtzeitig zum Schulbus und verschwindet dann in seinem Atelier. Soll er
doch brüten, ausharren wie ein Jäger, die Schneeziege im Visier, soll er
sich einsiedeln, das Atmen vergessen, ich störe ihn vorerst nicht.
Aber wo die Quittung für die Grundsteuer ist will er zwischen
Warteschlangen von mir wissen und das Foto mit dem schwarzen Hund in Cadouin.
Er hätte beides in einen Briefumschlag getan und jetzt findet er ihn nicht
wieder.
So ist er eben. Kompliziert die Dinge zur falschen Zeit und bringt
alles durcheinander, obwohl er nur eine Schublade besitzt für sein
Zeug.
Diese Schublade plus Tisch gehört zu unserem Haus, seit Claude es
gekauft hat. Er hat die Tischbeine neben den alten Zapfen verschraubt und
ihre Länge mit Eisenstücken ausgeglichen. Weil er das Vorläufige mag und
halbschwebende Dinge, steht der Tisch noch heute so - und wenn ein Glas
Wasser darauf umkippt, ist Frankreich in Not, denn Karten, Rechnungen und
Kontoauszüge, die in der Schublade lagern, könnten durch die Fugen der
Platte nass werden - oh caro mio, dagegen ist Enno ein Ordnungsgenie ……
Wenn Sie mehr über die Venedigtage meiner Protagonistin erfahren möchten,
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