renate langgemach
Septembermeer
Die Liebe, das Alter, das Meer, das sind die Themen, um die mein vierter Roman kreist. Das Berufsleben hat Helen hinter sich, ihre Beziehung zum jüngeren Malte, die neu aufgeflammt war, findet ein abruptes Ende, die Verbindung zu Simon, der gleichaltrig ist und ihre Fragen an das Leben teilt, wächst auf holprigen Wegen. Das Meer mit seiner Unbeugsamkeit, Freiheit und Weite bleibt bei allem ihr Mutmacher und treuer Begleiter.
Drei Geschichten um die Liebe herum. Drei Etappen, in denen sich Helen dem Altwerden stellt mit dem Wunsch: Ich möchte alt werden ganz auf meine Weise.
Ein Textauszug über Helens Liebe zum Meer:
Ich weiß nicht, was das mit dem Meer ist. Gestern Abend glaubte ich, es sei zu gefährlich, zu kalt, meine Kräfte würden nicht reichen und dass ich hier fehl am Platz bin. Heute, als Wasser, Wellen und Salz meinen Körper erfassen, ist es wie eine zweite Haut, anschmiegsam, forschend. Es trägt mich, vertreibt meine Sorgen, rollt mich in das sandige Flach und wieder zurück, holt mich in die Bekanntschaft mit dem Leben. Schwimmen ist es nicht, nicht die Lust so weit wie möglich dem Horizont entgegen zu streben – ich bleibe auf messbarer Höhe an der Strandlinie entlang. Nirgends kann ich mich bewegen wie im Meer, das war in Zeiten mit Malte so, das war früher so, eine Nixe bin ich, eine Robbe ... alle kommen wir doch aus dem Wasser.
Simon ist Freund der Berge, ihrer Erhabenheit. Gleich, ob sich Wetter um ihre Spitzen sammeln, Wolken, Blitze, das Blau oder das Abendlicht, dessen Glut sie spiegeln, die Berge stehen ungerührt und wachen über die Gewässer in ihren Senken. Einen See unter den Augen der Berge durchschwimmen, sagt Simon, ist ein Segen. Ist Andacht. Stille. Geht man zum Meer hin, kommt zuerst sein Geräusch. Sein Rumoren. Dann sein Geruch. Dann zeigt es sich.
Über Mondlandschaften, Steinebenen, die sich in Varianten von Grün bis zum Horizont ausbreiten, nehme ich die Gegenrichtung vom Malte-Haus. Sie führt zur nächsten Bucht.
Dort ist der Sand glatt und fest, ein paar Jungs fahren mit dem Rad am Meerrand entlang. Der Leuchtturm taucht auf in der Ferne.
Scharen von Strandläufern picken in die Algenfelder. Kommt ein Mensch, flattern sie hoch, hinterlassen helle Bögen im Himmel, setzen wieder auf, flitzen höflich. Im Fliegen bilden sie eine Schicht winziger Propeller unter den kreisenden Möwen, aufgeregt, doch einig. Dann hocken sie wieder, weiße und graue Tupfen auf dem Algensaum.
Ein paar Schritte weiter sind die Algen vergessen, der Strand ist plan, in seinen Wasserlinien wachsen Gemälde. Wolken spiegeln sich auf dem Sand, Sonne umzingelt die Wattlachen.
Das Dünenhinterland ist groß: violett, gelbe Blütenfelder und Kiefern. Ich lasse den Himmel auf mich fallen. Nehme eine Handvoll Sand, Zärtlichkeit und Hitze gleiten durch meine Finger. Das Licht ist weit, ungebremst, verschwendet sich nicht an Mauern und Schornsteine, am Schild über der Tankstelle, das zu Hause vor meinem Fenster schwankt. Ich werde dieses Licht schon jetzt vermissen.
Und ein Textauszug über ihre Gedanken zum Älterwerden:
Vom Bezirk des Alters habe ich gelesen. Ich mag das Wort nicht.
Das Land des Alters hätte Weite, auch wenn der eigene Bewegungsradius sich einschränkt. Die Landschaft des Alters den Blick auf Berg und Tal, Feld und Wald, Fluss und Meer, Auf und Ab. Das hört sich gut an. Obwohl manche sagen, Alter sei ein stetes Ab. Was den Körper betrifft. Oder eben alles.
Bezirk kreist ein. Zeigt Zäune. Eingrenzung, Runterdimmen, eingefahrene Wege, Kartenspiel, flüchtige Gespräche und Gesundheitssorge.
Umkreis, Gau, Zirkus geht durch meinen Kopf.
Die Frage, was es im Bezirk Neues zu erleben gibt, stellt sich selten. Eher die, wie lange man den Zutritt meiden kann. Wie das Altersgewand, der Alterstag außerhalb des Bezirks zu bewältigen wäre, wie die Ausgleichsmaßnahmen aussähen, die einen nicht auf den ersten Blick verraten. Man verharrt in der Vorruhezone, Gebiet ohne Gebieter, das zu Betretende weit. Die schon im Bezirk sind, mahnen. Ich tue so, als würde mich das Boot umschiffen, das die Alten Tag für Tag einsammelt und dem Übergang näher bringt. Kaufe mir Kleider, die zu kurz, zu bunt sind, ich will die unwürdige Greisin sein. Sagen wir die unwürdige Alte. Will in eine Freiheitszone. Eine neue Freiheit. Freiheit des Alters.
SEPTEMBERMEER ISBN 978-3-943446-83-8
Edition Contra-Bass http://contra-bass.de